Ungarn hat Jahrhunderte an Weintradition, und im Mittelalter war ungarischer Wein in halb Europa gefragt. Wo sind diese Weine heute?
Wein wird hier seit sehr langer Zeit gemacht. Die Römer brachten vor gut 2.000 Jahren Reben in ihre Provinz Pannonien, und als die Magyaren um 895 ins Karpatenbecken kamen, hatten sie eigenes Weinwissen im Gepäck. Die ungarischen Wörter für Wein und Traube, bor und szőlő, stammen aus dem Türkischen und nicht aus dem Lateinischen.
Im Mittelalter wurde Ungarn zu einem der großen Weinexporteure Europas. Vor allem die Süßweine aus Tokaj machten Karriere an den Höfen. Fürst Ferenc Rákóczi II. schickte sie im frühen 18. Jahrhundert als Geschenk zu Ludwig XIV. nach Versailles, und von dort stammt der Satz, den Tokajer Winzer bis heute gerne zitieren, vom „König der Weine, Wein der Könige“. 1730 wurde Tokaj nach Porto als zweite Weinregion der Welt nach Qualität klassifiziert, sieben Jahre später machte ein königliches Dekret daraus ein geschlossenes Weinbaugebiet. Heute kennt kaum jemand ungarischen Wein, auch unter Weinliebhabern nicht.

Wie der ungarische Wein fast verschwand
Von 1541 an beherrschten die Osmanen anderthalb Jahrhunderte lang die Mitte des Landes. Der Weinbau lief weiter, obwohl der Islam Alkohol verbietet, denn Wein war für die Verwaltung eine Steuerquelle, und der Norden und Westen des Königreichs wurden nie osmanisch. Aus dieser Zeit stammt auch die bekannteste ungarische Weinlegende. Bei der Belagerung von Eger 1552 sollen die Verteidiger so viel Rotwein getrunken haben, dass die Angreifer die Flecken in ihren Bärten für Stierblut hielten. Der Name Bikavér ist geblieben. Und mit den serbischen Familien, die vor den Osmanen nach Norden zogen, kam die Rebsorte Kadarka nach Szekszárd und Eger.
Das 19. Jahrhundert war die beste Zeit, die der ungarische Weinbau je hatte. 1875 tauchte die Reblaus auf. Innerhalb von zwei Jahrzehnten war der größte Teil der Rebflächen vernichtet, und was danach neu gepflanzt wurde, sah anders aus als vorher. Manche alte Sorte kam nie zurück.

1920 verlor Ungarn im Vertrag von Trianon zwei Drittel seines Staatsgebiets und damit auch einen großen Teil seiner Weinberge. Siebenbürgen, die heutige Slowakei und Slawonien lagen von einem Tag auf den anderen im Ausland. Die ungarische Weinkarte, die du heute siehst, ist im Wesentlichen das, was übrig geblieben ist.
Dann kamen zwei Weltkriege, und nach dem zweiten vierzig Jahre Kommunismus. Die kleinen Weingüter wurden in staatliche Weinfabriken eingegliedert, die nach Menge bezahlt wurden und entsprechend arbeiteten. Egri Bikavér ging als billige Literflasche in den ganzen Ostblock, und den Ruf, den der Name dort bekam, schleppt er bis heute mit. Ein paar Winzer haben ihre besten Parzellen durch diese Jahrzehnte gerettet und weiter gepflegt. Qualitätswein als Kategorie war ansonsten verschwunden.
Der wichtigste Kunde war dabei der Ostblock. Ungarn lieferte jahrzehntelang große Mengen in die Sowjetunion, und als dieser Markt Anfang der neunziger Jahre wegbrach, verlor die Weinwirtschaft über Nacht ihren größten Abnehmer. Für Betriebe, die ganz auf Menge ausgelegt waren, kam dieser Schlag genau dann, als sie sich ohnehin neu erfinden mussten.

Der Neuanfang nach 1989
Mit dem Systemwechsel 1989, den die Ungarn schlicht rendszerváltás nennen, kamen die Weinberge zurück in private Hände. Zuerst passierte etwas in Tokaj, und zwar mit ausländischem Geld. 1990 war der britische Weinautor Hugh Johnson an der Gründung der Royal Tokaji Wine Company beteiligt, 1992 kaufte die französische AXA Millésimes das Gut Disznókő, 1993 übernahm die spanische Familie Álvarez von Vega Sicilia das Weingut Oremus. Lagen, die dreihundert Jahre lang berühmt gewesen waren, bekamen wieder Kapital und Kellertechnik.
Die ersten wirklich guten trockenen Rotweine kamen Mitte der neunziger Jahre aus Villány. Die zwanzig Jahre danach gingen für den Wiederaufbau drauf: Keller sanieren, Reben neu pflanzen, herausfinden, was moderne Weinbereitung eigentlich kann.
Die größten Schritte sind erst in den letzten Jahren passiert, seit eine neue Generation übernommen hat. Viele dieser Winzer haben in Frankreich, Österreich, Neuseeland oder Südafrika gearbeitet und sind mit offenem Kopf zurückgekommen. Sie interessieren sich stärker für einheimische Rebsorten, alte Einzellagen und ungarische Weinstile als ihre Eltern, und viele arbeiten biologisch oder ganz ohne Zusätze. Was dabei entsteht, hat es in dieser Form vorher nicht gegeben.
Wo der ungarische Wein heute steht
Ungarn hat 22 Weinregionen, von Sopron an der österreichischen Grenze bis Tokaj im Nordosten, und in fast jeder gibt es inzwischen Betriebe, die international mithalten. Bei den Decanter World Wine Awards 2026 hat das Land sein bisher bestes Ergebnis geholt. Daneben ist eine kleine, sehr lebendige Naturweinszene gewachsen, die im Ausland oft früher wahrgenommen wurde als die klassischen Güter.
Was fehlt, ist Bekanntheit. Eine ungarische Flasche muss sich in Deutschland noch immer gegen die Erwartung durchsetzen, billig oder süß zu sein. Das ändert sich, aber langsam.
Warum ungarische Böden guten Wein hervorbringen
Dafür müssen wir weit zurückgehen, denn Ungarn war selbst einmal ein Meer. Vor 10 Millionen Jahren bedeckte das Pannonische Meer den größten Teil des heutigen Landes, und als es austrocknete, blieben Mineralien und Nährstoffe im Boden zurück.
Dazu die Vulkane. Ungarn ist geologisch aktiv und war es immer. Über Jahrmillionen haben Vulkane Lavaschichten übereinandergelegt, und aus ihnen sind die Berge mit den vulkanischen Böden entstanden, auf denen heute Somló und die Weinberge am Balaton liegen. Derselben geothermischen Aktivität verdankt das Land übrigens seine Thermalbäder.

Ungarn liegt außerdem an der richtigen Stelle. Die Trauben bekommen viel Sonne, ohne dass es zu heiß wird. Rundherum liegen die großen Gebirge Europas, von den Alpen über die Tatra bis zum Karpatenbogen, im Süden fängt der Balkan an. Wie fast überall auf der Welt liegen die guten Weinregionen auch hier an Hängen in der Nähe großer Flüsse und Seen: Donau, Theiß und Bodrog, Balaton und Neusiedler See.
Warum du trotzdem kaum guten ungarischen Wein findest
Vielleicht denkst du jetzt: Wenn ungarischer Wein so gut ist, warum steht er dann nirgends im Regal? Oder du hast kürzlich eine ungarische Flasche gekauft und warst enttäuscht. Der Hauptgrund ist die Größe der Betriebe. Die Weingüter, die wirklich guten Wein machen, sind sehr klein. Zwischen 10 und 50 Hektar ist normal, einige der besten Winzer bewirtschaften 5 Hektar oder weniger. (Ein Hektar sind 10.000 Quadratmeter, also ungefähr ein Fußballfeld.) Von wenigen Ausnahmen abgesehen produzieren nur die ehemaligen Staatskellereien genug für den Export, und deren Qualität lässt oft zu wünschen übrig.

Die guten kleinen Weingüter haben schlicht keine großen Mengen, und weil die Weinszene in Ungarn boomt, verkaufen die meisten alles im eigenen Land. Wir finden, dass diese Weine mehr Leute erreichen sollten. Deshalb holen wir sie nach Berlin und stellen die Winzer dahinter vor.
Welche ungarische Weinregion würdest du zuerst probieren?


